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1910–1920

Geschichte

Die Veränderungen in der japanischen Gesellschaft, die sich während des Krieges mit Russland (1904–1905) beschleunigt hatten, erreichten im Ersten Weltkrieg ihren Höhepunkt. Zwischen 1915 und 1920 erlebte Japan einen wirtschaftlichen Aufschwung, und innerhalb von zwanzig Jahren wandelte sich das Land von einer vorwiegend agrarisch geprägten Gesellschaft zu einer Industriegesellschaft.

1895 lebten 12 % der Bevölkerung in Städten, 1920 waren es bereits über die Hälfte. Japan hatte sich zu einer urbanen Gesellschaft entwickelt. Es entstanden unterschiedliche Lebensstandards: städtisch versus agrarisch, aber auch reich versus arm. In beiden Fällen waren die Unterschiede enorm. Japan war zu einer kapitalistischen Gesellschaft geworden, in der die armen Massen ausgebeutet und die Reichen Jahr für Jahr reicher und mächtiger wurden. Die Armen fügten sich dieser Situation nicht: 1918 kam es zu Reisunruhen, weil sich der Reispreis innerhalb von zehn Jahren vervierfacht hatte (die Löhne aber nicht!).

Die Macht der Regierung war so groß und effizient, dass das Beispiel der Russischen Revolution nicht befolgt werden konnte, obwohl alle Voraussetzungen für eine Revolution reichlich vorhanden waren. Ein Beispiel für die Effizienz der Regierung war, dass gerade so viele Reformen durchgeführt wurden, dass eine Revolution verhindert wurde.

Japans wachsende Macht und sein Einfluss stießen im Ausland auf erheblichen Widerstand. Es war für Japan äußerst schwierig, als bedeutender Akteur in der internationalen Politik anerkannt zu werden: Auf der Konferenz von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg gelang es Japan nicht, die Klausel zur Rassengleichheit in die Satzung des Völkerbundes aufzunehmen. Japans zunehmender Einfluss in Korea und auf dem chinesischen Festland wurde mit Argwohn betrachtet und, wo immer möglich, behindert. Japan modernisierte sich zwar Jahr für Jahr, doch wuchsen damit auch seine Probleme.


In diesem Jahrzehnt starb auch der Meiji-Kaiser (am 30. Juli 1912), und eine neue Ära begann: die Taishō-Ära (Ära der Großen Gerechtigkeit), die bis 1926 andauern sollte. Die Taishō-Ära gilt oft als eine Art Goldenes Zeitalter, vergleichbar mit den Goldenen Zwanzigern im Westen. Das trifft bis zu einem gewissen Grad zu, insbesondere im Hinblick auf Kunst und Kultur. Zynisch betrachtet könnte man anmerken, dass es den Reichen in jeder Epoche gut geht.

Künstlerische Entwicklungen

In diesem Jahrzehnt entstand Sōsaku Hanga als eigenständige Kunstform. Zahlreiche Faktoren und Entwicklungen spielten dabei zusammen: 1910 gründete eine Gruppe junger Intellektueller die Zeitschrift „Shirakaba“ (Weiße Birke), die bis 1923 erschien. Sie war in erster Linie eine Literaturzeitschrift und zugleich ein Treffpunkt für alle, die sich von Idealismus, Individualismus und Liberalismus leiten ließen. Im selben Jahr kehrte Minami Kunzō (1883–1950) von einem Auslandsaufenthalt zurück und fertigte eine Reihe von Holzschnitten an, die er selbst schnitzte und druckte. Diese wurden 1911 ausgestellt – die erste Ausstellung „kreativer Druckgrafik“ in Japan überhaupt. 1915 fand eine Ausstellung des deutschen Expressionismus statt, die hauptsächlich aus Holzschnitten bestand. Sie hatte einen enormen Einfluss auf alle jungen japanischen Künstler. Einige sehr junge Künstler, Onchi Kôshirô (1891-1955), Fujimori Shizuo (1891-1943) und Tanaka Kiyôkichi (1892-1915), hatten im Vorjahr, als sie noch Studenten an der Tokyo Art School waren, die Zeitschrift Tsukubae gegründet.

Zu diesen talentierten Künstlern gesellten sich Tobari Kogan (1882–1927) und Takehisa Yumeji (1884–1934), die in diesem Jahrzehnt ebenfalls Hanga schufen. 1916 begannen Ishii Hakutei (1882–1952) und verschiedene andere Künstler der Hôsun -Gruppe ein ambitioniertes Projekt, die „Nihon fûkei hanga “ (Japanische Landschaftsdrucke), bestehend aus zehn Serien mit je fünf Drucken, die zwischen Januar 1917 und April 1920 veröffentlicht wurden.

Im Juni 1918 wurde die Nihon Sôsaku-Hanga Kyôkai (Japanische Gesellschaft für Kreative Druckgrafik) von Yamamoto Kanae, Tobari Kogan, Oda Kazuma und Terasaki Takeo gegründet. Im darauffolgenden Jahr fand im Kaufhaus Mitsukoshi eine sehr erfolgreiche Ausstellung mit 189 Werken statt.

Seit der ersten Ausstellung von Minami Kunzôs Werken im Jahr 1911 waren nur acht Jahre vergangen, und in dieser kurzen Zeit hatte sich Sôsaku Hanga als eigenständige Kunstform etabliert. Holzschnitte galten nun nicht mehr nur als Reproduktionsmittel, ausgeführt von einem erfahrenen Handwerker. Unter den Künstlern gab es jedoch von Anfang an unterschiedliche Meinungen: Ein Streitpunkt war, ob ein Künstler alle für die Herstellung eines Drucks notwendigen Schritte selbst ausführen müsse – vom Entwurf über das Schnitzen der Druckstöcke bis hin zum eigentlichen Druck. Einige der frühen Pioniere hielten es für durchaus akzeptabel, bei Bedarf professionelle Drucker und Holzschneider zu beauftragen. Diese Frage wurde nie endgültig geklärt. Die orthodoxe, puristische Auffassung, dass ein Künstler für den gesamten Druckprozess verantwortlich sei, wurde sowohl vor als auch nach dem Zweiten Weltkrieg häufig aufgegeben.